Ich liebe Musik. Sehr sogar. Ich habe, wann immer es geht und meine Ohren empfangsbereit sind, Musik an. Gerne laut und gerne lange. Sowohl Bekanntes als auch Neues, manchmal nur eine Handvoll geliebter Songs an einem Abend. Geschrei und Geballer, sanftes und trauriges Banjostreicheln, heftige Bässe oder Verzerrtes aus dem Computer, je nach Stimmungslage höre ich Musik.
Und da liegt auch gleichzeitig mein Problem. Ich höre und nehme sie immer bewusst wahr und kann sie nicht ausblenden. Es gibt Menschen, die einfach darüber hinweghören und sie ignorieren können. Im Kaufhaus, im Restaurant, im Bus, sonstwo. Ich nicht. Ich höre, analysiere und beurteile sie innerlich, egal um was für eine Musikrichtung oder -Stück es sich handelt. Bei der Musik, die ich freiwillig höre, ist es natürlich angenehmer als bei jener, die mir aufgezwungen wird und die mir nicht gefällt.
Die mir nicht nur nicht gefällt, weil es z.B. eine Richtung ist, die mir weniger zusagt (z.B. Hip Hop, auch wenn es Sachen gibt, die ich durchaus sehr gerne höre) oder mir die Stimme nicht gefällt, sondern, weil es lieblose, dem Kommerz dienliche Musik ist, die den Hörer berieselt aber ohne tiefere Substanz ist. Weil sie nicht aus Leidenschaft oder um der Musik willen gemacht wurde, sondern für den schnellen Profit. Here today, gone tomorrow.
Meistens findet sich diese Musik im Radio, bzw. im Mainstream-Radio, den großen Radiostationen, die die breite Bevölkerung ansprechen und befriedigen wollen. In Bremen ist dies zumeist Bremen4.
Mit diesem Sender habe ich das letzte halbe Jahr intensiv verbracht, weil es auf meiner vorigen Arbeitsstelle lief. Und es war akustisch gesehen keine besonders schöne Zeit. Es gab endlose Diskussionen und sogar eine Zeitschaltuhr aufgrund mangelnder Kompromissbereitschaft (nicht nur meinerseits) und mein Chef, der ebenfalls nicht besonders radio-affin ist, einen verzweifelten Schlichtungsversuch unternommen hatte.
Aber meistens war es an, und manchmal nicht besonders leise. Ich hörte die gleichen seichten Popsongs mehrmals täglich, fand heraus wer bei wem geklaut hat (die Trombone – ich glaube es ist eine Trombone? – bekannt aus Amy Winehouse’s „Rehab“ ist sehr beliebt geworden und zur WM sangen alle „oooh oooooh oooooh“, nachdem einer damit angefangen hatte, Shakira eignete sich eine afrikanisches Lied namens Waka Waka an und machte nen Haufen Kohle), entdeckte weitere Eigenarten zeitgenössischen Mainstreams (Es scheint einen inoffiziellen Wettbewerb bei Sängerinnen zu geben, ihre Stimme dermaßen auszureizen, dass diese nicht mehr menschlich klingt und bei – ich verwende dieses Wort ungerne – ‚rockigeren‘ Vertretern, möglichst viele Schichten Instrumente, Gesang und Geschrei übereinander zu legen, dass der geneigte Hörer nur noch schwer durch das entstandene Klangdickicht hindurchblicken kann), fand Zuflucht in rar gespielten 80er Titeln und freute mich mehr über Mumford & Sons als dass ich es bedauerte, eine Perle wie ‚Sigh No More‘ zwischen all dem akustischen Müll zu finden. Dazu kam dann das überspielt-fröhliche Geseier dümmlich agierender ModeratorInnen, die voller Enthusiasmus über Popsternchen oder die immer gleichen Bremer Umland-Bands berichteten.
Hahaha, wie albern, werden einige denken. Meinetwegen, aber wenn man keine Gelegenheit hat, dem „geistig“ zu entkommen und währenddessen kreativ arbeiten und auch mal telefonieren soll (ich habe übrigens auch ein Problem mit differenziertem Hören und saß zudem in einem Großraumbüro mit offener Küche), wird es auf Dauer doch eher zur Belastung. So sehr, dass ich keine Lust mehr hatte, zur Arbeit zu gehen und ich mich insgesamt nicht mehr wohl fühlte. Und eigentlich liebe ich meine Arbeit. Design ist, wie (gute) Musik auch, eine meiner Leidenschaften ohne die ich schwer auskommen kann.
Ich habe, wie gesagt, nichts gegen Musik zur Arbeit, aber auch (und gerade) wenn mehrere Menschen zusammen sitzen und sich konzentrieren sollen, sollte von außen Inspirierendes und nicht permanent seichte Beschallung kommen. Einige stört es nicht, andere hemmt es in Ihrer Produktivität. Leider stand, und stehe ich damit in meinem Arbeitsumfeld anscheinend alleine auf weiter Flur.
„Radio ist Fernsehen für die Ohren“, hörte ich neulich, nicht besonders positiv gemeint. Jedoch kommt es hier sicher auch wieder auf die Senderwahl an. Die beliebtesten sind nicht zwangsläufig die guten. Und regional ist es um das „Bremen4-Land“ ebenfalls eher mäßig bestellt.
Am besten macht man sein eigenes Programm, mit Liebe ausgesucht und mit Leidenschaft gehört.